Warum wir unsere emotionalen Muster kennen sollten

Kennst du eigentlich deine eigene „Bedienungsanleitung“?

Wir kennen die Bedienungsanleitung unseres Autos, unserer Kaffeemaschine oder zumindest wissen wir, wo wir nachschauen können, wenn etwas nicht funktioniert.

Aber wie sieht es mit uns selbst aus?

Weißt du, wie DU funktionierst, wenn das Leben nicht so läuft, wie du es gerne hättest?

Wenn du unter Druck gerätst.
Wenn dich jemand verletzt.
Wenn du dich nicht gesehen oder wertgeschätzt fühlst.
Wenn du Angst hast.
Wenn du die Kontrolle über eine Situation verlierst.

Genau in solchen Momenten laufen in uns häufig erstaunlich vertraute Programme ab.

Wir werden laut oder ziehen uns zurück. Wir urteilen. Wir wollen recht haben. Wir versuchen, eine Situation möglichst schnell zu verändern. Wir machen uns Sorgen und spielen im Kopf sämtliche Möglichkeiten durch.

Und manchmal fragen wir uns hinterher:

Warum habe ich eigentlich schon wieder so reagiert?

Unsere Reaktionen entstehen nicht erst in diesem Moment

Lange Zeit habe ich geglaubt, dass vor allem das, was im Außen passiert, darüber entscheidet, wie es mir geht.

Der andere nervt mich.
Der Job stresst mich.
Eine Situation macht mich wütend.
Jemand enttäuscht mich.

Heute sehe ich das anders.

Denn zwischen dem, was passiert, und dem, wie ich darauf reagiere, liegt meine ganz persönliche Innenwelt.

Meine Erfahrungen. Meine Erwartungen. Meine Ängste. Meine Vorstellungen davon, wie etwas sein sollte. Und all die Überzeugungen, die ich irgendwann im Laufe meines Lebens übernommen habe.

Aus all dem entstehen unsere emotionalen Muster.

Und je besser wir diese Muster kennenlernen, desto weniger müssen sie unbemerkt unser Leben bestimmen.

Wann geht dein System auf „Störung“?

Diese Frage habe ich bereits vor vielen Jahren gestellt.

Vielleicht liegt das daran, dass wir in unserem Unternehmen täglich mit technischen Anlagen zu tun haben.

Wenn eine Anlage auf Störung geht, schaut ein guter Techniker nicht wütend auf das Gerät und ruft:

„Warum funktionierst du denn nicht einfach?!“

Er schaut genauer hin.

Was ist passiert?
Wann tritt die Störung auf?
Was könnte der Auslöser sein?
Und was braucht das System, damit es wieder funktioniert?

Warum sollten wir mit uns selbst nicht mindestens genauso aufmerksam umgehen?

Nicht um uns ständig zu analysieren oder jede Emotion „wegzumachen“.

Sondern um uns kennenzulernen.

Meine eigene Bedienungsanleitung

Ich weiß heute zum Beispiel ziemlich gut, dass ich in bestimmten Situationen sehr schnell etwas VER-BESSERNmöchte.

Wenn mir eine Situation nicht gefällt, entsteht in mir der Impuls, sie verändern zu wollen.

Sofort.

Das Problem dabei: Wenn viele Dinge gleichzeitig passieren und starke Emotionen dazukommen, wird mein Blick enger. Meine Gedanken drehen sich immer stärker um das, was gerade nicht funktioniert.

Es ist ein bisschen wie bei einem See, der durch einen plötzlichen Sturm aufgewühlt wird.

Solange das Wasser tobt, kann ich den Grund nicht sehen.

Genau so geht es mir manchmal mit meinen Gedanken.

Ein Erlebnis, das mir das sehr deutlich gezeigt hat

Vor vielen Jahren bekam ich plötzlich die Nachricht, dass meine Mutter im Pflegeheim gestürzt war.

Oberschenkelhalsbruch. Krankenhaus. Operation.

Ich sollte sofort kommen.

Dazu ein Arzt, mit dessen Art ich überhaupt nicht zurechtkam, viele Entscheidungen, Sorgen um meine Mutter – und gleichzeitig stand eine Reise nach Indien unmittelbar bevor.

Ich war alles andere als ruhig und gelassen.

Ich ärgerte mich. Ich urteilte. Meine Gedanken überschlugen sich und ich wollte am liebsten alles gleichzeitig regeln und verbessern. Genau diese Überforderung und den anschließenden Weg zurück zur Ruhe habe ich schon in meinem ursprünglichen Artikel beschrieben. (Ute Wulfert)

Aber irgendwann erkannte ich:

Ah – da ist es wieder. Das ist eines meiner Muster.

Allein dieses Erkennen verändert etwas.

Ich bin dann nicht plötzlich tiefenentspannt und alles ist wunderbar.

Aber ich kann anfangen, anders mit mir umzugehen.

Was mir hilft, wenn mein innerer See stürmisch wird

Bei mir sind es manchmal ganz einfache Dinge.

Musik, die mich mit schönen Erinnerungen verbindet.

Bewusstes Atmen.

Still werden.

Nicht sofort reagieren.

Und manchmal auch einfach eine Situation auszuhalten, ohne sie augenblicklich verändern zu müssen.

Damals saß ich am Morgen vor der Operation zwei Stunden am Bett meiner Mutter und hielt ihre Hand.

Mehr musste ich in diesem Moment gar nicht tun.

Nach und nach wurde es ruhiger.

In ihr – und auch in mir.

Unsere Muster zu kennen bedeutet nicht, sie bekämpfen zu müssen

Das ist für mich heute vielleicht der wichtigste Punkt.

Es geht nicht darum, nie wieder wütend, ängstlich, verletzt oder überfordert zu sein.

Und es geht auch nicht darum, aus uns einen Menschen zu machen, der immer ausgeglichen und gelassen reagiert.

Emotionen gehören zu uns.

Aber wir können lernen, sie wahrzunehmen, bevor sie vollständig das Steuer übernehmen.

Vielleicht bemerkst du irgendwann:

Ah, interessant. Wenn ich mich nicht wertgeschätzt fühle, werde ich sofort defensiv.

Oder:

Wenn ich Angst bekomme, möchte ich alles kontrollieren.

Oder:

Wenn jemand anderer Meinung ist, fühle ich mich persönlich angegriffen.

Dieses kleine Erkennen schafft einen winzigen Abstand zwischen Gefühl und Reaktion.

Und genau in diesem Abstand entsteht etwas sehr Wertvolles:

eine Wahlmöglichkeit.

Vielleicht beginnt Selbstkenntnis mit ein paar einfachen Fragen

Beobachte dich einmal in den nächsten Tagen:

Welche Situationen bringen mich besonders schnell aus meiner Ruhe?
Welche Gedanken tauchen dann immer wieder auf?
Was spüre ich in meinem Körper?
Was tue ich normalerweise als Nächstes?
Und was hilft mir tatsächlich dabei, wieder klarer zu werden?

Die Antworten darauf sind vielleicht die ersten Seiten deiner ganz persönlichen Bedienungsanleitung.

Sie wird vermutlich niemals fertig sein.

Meine ist es jedenfalls nicht. 😉

Denn wir verändern uns. Unser Leben verändert sich. Und manchmal entdecken wir ein altes Muster genau dann wieder, wenn wir eigentlich dachten, wir hätten es längst hinter uns gelassen.

Aber heute empfinde ich das nicht mehr als Scheitern.

Sondern eher als eine Einladung, wieder etwas genauer hinzuschauen.

Denn je besser ich mich selbst kenne, desto weniger muss das Außen darüber bestimmen, was in meinem Inneren passiert.

Und vielleicht bedeutet innere Freiheit am Ende genau das.

Ute ❤️

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