„Ich wusste, dass das passiert.“
„Der ist eben so.“
„Bei mir funktioniert das sowieso nicht.“
„Immer passiert mir so etwas.“
Wie oft denken oder sagen wir solche Sätze – und halten sie für die Wahrheit?
Dabei könnte es sein, dass wir gar nicht wissen, was gerade wirklich passiert. Vielleicht erleben wir die Gegenwart durch die Brille unserer Vergangenheit.
Unser Gehirn ist ein erstaunlicher Erfahrungssammler. Es merkt sich, was funktioniert hat, was wehgetan hat, wo wir vorsichtig sein sollten. Das ist wichtig. Wir müssen nicht jeden Fehler wiederholen, um zu wissen, dass etwas keine gute Idee ist.
Doch manchmal wird aus einer Erfahrung eine Erwartung.
Aus „Das ist einmal schiefgegangen“ wird:
„Das geht immer schief.“
Aus „Dieser Mensch hat mich enttäuscht“ wird:
„Auf andere kann man sich nicht verlassen.“
Aus „Damals wurde ich kritisiert“ wird:
„Wenn jemand meine Arbeit hinterfragt, hält er mich für unfähig.“
Und irgendwann merken wir gar nicht mehr, dass zwischen dem, was tatsächlich geschieht, und dem, was wir erwarten, ein Unterschied besteht.
Und dann sind natürlich die anderen schuld
Jemand sagt einen Satz – und wir fühlen uns angegriffen.
Der Kollege verhält sich anders als erwartet – und wir halten ihn für schwierig.
Der Partner reagiert nicht so, wie wir es uns wünschen – und schon wissen wir, warum: Typisch. Immer dasselbe.
Vielleicht haben wir sogar recht.
Vielleicht aber auch nicht.
Denn unser Gehirn wartet nicht geduldig darauf, bis alle Informationen auf dem Tisch liegen. Es gleicht das, was gerade passiert, mit früheren Erfahrungen ab und versucht daraus vorherzusagen, was als Nächstes geschehen wird.
Und unser Körper macht mit.
Ein bestimmter Tonfall. Ein Blick. Eine Situation, die uns bekannt vorkommt. Plötzlich entsteht Anspannung. Der Puls steigt. Das ungute Gefühl im Bauch ist da.
Und schon fühlt sich unsere Interpretation ziemlich überzeugend an:
„Ich wusste es doch.“
Dabei lohnt sich eine Frage:
Weiß ich es wirklich – oder kenne ich dieses Gefühl nur sehr gut?
Vielleicht braucht es nicht sofort eine Antwort
Wir leben in einer Welt, in der wir erstaunlich schnell urteilen.
Über andere. Über Situationen. Und auch über uns selbst.
Vielleicht wäre es manchmal klüger, zwischen Reiz und Reaktion ein wenig Zeit entstehen zu lassen.
Nicht sofort zurückschreiben.
Nicht sofort urteilen.
Nicht sofort erklären, warum der andere schuld ist.
Sondern sich selbst ein paar unbequeme Fragen stellen:
Was ist gerade tatsächlich passiert – ohne meine Interpretation?
Was davon weiß ich und was vermute ich nur?
Warum trifft mich das gerade so?
Kenne ich dieses Gefühl aus einer anderen Situation?
Reagiere ich auf den Menschen vor mir – oder vielleicht auf etwas, das lange vor ihm passiert ist?
Und eine Frage finde ich besonders spannend:
Was wäre, wenn ich mich irre?
Nicht, weil immer wir selbst das Problem sind. Natürlich gibt es Menschen, die sich unfair, respektlos oder verletzend verhalten. Selbstreflexion bedeutet nicht, jedes Verhalten anderer zu entschuldigen oder die Verantwortung grundsätzlich bei sich selbst zu suchen.
Sie bedeutet etwas anderes:
Bevor ich die Verantwortung nach außen gebe, schaue ich nach innen.
Der andere lässt sich schlecht verändern
Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum wir so gerne bei den anderen anfangen.
Wenn der andere das Problem ist, müsste schließlich der andere etwas ändern.
Wenn ich aber entdecke, dass meine Reaktion auch etwas mit meinen Erfahrungen, Erwartungen und alten Überzeugungen zu tun hat, entsteht plötzlich ein Bereich, auf den ich Einfluss habe.
Mich selbst.
Und das kann unbequem sein.
Denn es ist leichter zu sagen:
„Du machst mich wütend.“
als zu fragen:
„Warum löst das so viel in mir aus?“
Es ist leichter zu sagen:
„Die nehmen mich nicht ernst.“
als sich zu fragen:
„Warum brauche ich gerade so dringend ihre Bestätigung?“
Es ist leichter zu denken:
„Das kann ich nicht.“
als herauszufinden:
„Wann habe ich eigentlich angefangen, das über mich zu glauben?“
Diese Fragen liefern nicht immer angenehme Antworten.
Aber vielleicht gute.
Unsere Vergangenheit darf Erfahrung sein – nicht Drehbuch
Wir brauchen unsere Erfahrungen. Sie machen uns klüger, vorsichtiger und manchmal auch mutiger.
Aber sie sollten uns nicht vorgaukeln, die Zukunft bereits zu kennen.
Ein Mensch, der uns heute begegnet, ist nicht automatisch der Mensch, der uns gestern verletzt hat.
Eine neue Aufgabe ist nicht die Prüfung, bei der wir damals gescheitert sind.
Ein Fehler bedeutet nicht, dass wir unfähig sind.
Und eine Meinungsverschiedenheit bedeutet nicht automatisch Ablehnung.
Vielleicht besteht persönliche Entwicklung deshalb nicht darin, unsere Vergangenheit loszuwerden.
Sondern darin, zu erkennen, wann sie gerade für uns spricht.
Und dann einen Moment lang nicht zu reagieren.
Hinsehen.
Hinterfragen.
Neu entscheiden.
Denn zwischen
„So ist es.“
und
„So habe ich gelernt, es zu sehen.“
liegt ein gewaltiger Unterschied.
Und vielleicht beginnt genau dort Veränderung.